Zwischenbilanz
Ein Nachruf auf die ersten fünfzig Jahre...
Am 28.06.2004 begonnen

Nun ist es also passiert. Bin kein falscher Fuffziger mehr. Auf dem Weg zum Greis wieder ein Stück weiter gekommen... Es ist nun für mich an der Zeit, einigen Weggefährten meinen Dank auszusprechen.
Bald rief die Nation mich zu den Fahnen. Zur Grundausbildung hatte es mich in die Nähe von Hamburg verschlagen. Sollte Logistiker werden. Unsere Ausbildungskompanie befand sich in einer Kaserne mit einem Jägerbataillon, die Jungs mit dem grünen Barett.. Sowas Beklopptes habe ich nie wieder im Leben gemacht. Das war für mich aber wohl ein Schlüsselerlebnis. Manchmal - nicht immer - lohnt sich ein Kampf. Bin seither etwas seltener vor Problemen weggelaufen. Die kleine Narbe an der rechten Hand ist geblieben... Ein Kumpel aus meinem Zug kam aus Düsseldorf. Als mein klappriger VW Käfer Baujahr 1960 mit 30 PS-Maschine aus dem letzten Loch pfiff, nahm Udo mich öfter mit seinem 1900er Rekord mit 90 PS mit, wenn es ins Wochenende nach Hause ging. Meine Devise für meine Bundeswehrzeit war:"Entweder richtig, oder gar nicht." Parallel zu meiner Verpflichtung hatte ich um heimatnahe Versetzung gebeten. Als ich den Schrieb las, brach mir beinahe der Blick. Zu den Feldjägern sollte ich. Und dann noch in die Ausbildungskompanie. Heiland, hätte ich es doch gelassen. Eine Einschätzung, die sich später als goldrichtig erwies... Also packte ich mein Zeug, und dackelte nach Düsseldorf. Hand in der Tasche. Matte "haar"scharf an der Grenze des Erlaubten, meldete ich mich im Geschäftszimmer. Das war plötzlich Schnee von gestern. Als ich sah, wie ein kleiner Gefreiter einen ganzen Zug von vierzig Mann zum Essen führte, und sie dabei fachmännisch rund machte, wußte ich, was die Glocke geschlagen hatte... Auch bei meinem nächsten Auftritt latschte ich mit traumwandlerischer Sicherheit ins Fettnäpfchen. Der Spieß (Kompaniefeldwebel), die "Mutter der Kompanie", führte mit mir anläßlich meiner Versetzung ein Einzelgespräch. So produzierte ich Sicherheit, wie ein Wilder. Versorgte, was das Zeug hielt. Aber mit den Feldjägern konnte ich mich nie so richtig anfreunden. Wenn ich sehe, über welche Ausbildung, Ausrüstung und welches Gewaltpotential auch gegen die eigenen Soldaten diese Waffengattung heute verfügt, verstehe ich meine ursprüngliche Abneigung immer besser. Ein Dorfsheriff sieht gegen diese Mädels und Jungs vermutlich ziemlich blaß aus. Die Rekruten durchliefen bei uns erst die normale Grundausbildung, und kamen danach im sogenannten Lager für ein weiteres Vierteljahr in die verlängerte Grundausbildung. Ich lernte einen merkwürdig alten Leutnant kennen, der die "Verlängerte" leitete. Zu meiner Entlassung später war er Oberleutnant. Aber man munkelte, daß er mal Hauptmann, degradiert und zu uns strafversetzt worden war. Wegen einer "Affäre" in der Fallschirmjäger-Ausbildungskompanie in Nagold, die nach Vorkommnissen geschlossen worden war. Erst viele Jahre später erfuhr ich, daß damals ein Rekrut zu Tode kam, weil sadistische Ausbilder ihn bei starker Hitze mit vollem Gepäck bis zum Ende seiner Kräfte schikanierten. Mehr zum Thema findet man im Netz unter "Schleifer von Nagold". "Pumpi" wurde der Leutnant genannt. Angeblich hatte er früher das Hobby, Rekruten über dem offenen Kappmesser "pumpen" (Liegestütz) zu lassen. Ich begreife es nicht, wie die Führung in der Bundeswehr einen "guten Soldaten" in einem Menschen sehen kann, der offenbar einen kranken Charakter hat... Wenn ich daran denke, wie oft ich neben diesem Leutnant, und auch unserem tollen Fallschirmjäger-Spieß saß, könnte mir heute noch schlecht werden. Hoffentlich bekommen wir so bald keine Berufsarmee. Ich befürchte, daß sonst durch eine Negativauswahl Kaputten und Sadisten das Feld überlassen wird. Mir ist der Staatsbürger in Uniform lieber. Aber nur zur Verteidigung des eigenen Landes. Maximal zur Verteidigung Europas. Mich erschüttert es, wenn Soldaten aus allen Ecken der Welt, wohin sie von den Politikern der regierenden Parteien geschickt wurden, tot zu ihren Familien nach Hause gebracht werden. Aber niemand scheint sich darüber aufzuregen... Mein Spieß war ein Feldjäger mit Fallschirmjäger-, Ranger- und Häuserkampf-Ausbildung. Er wäre besser in seinem anständigen Beruf als Zimmermann geblieben, wie mir am Tag meiner Entlassung deutlich bewußt wurde... Nun, ich machte so gut es ging, meinen Job. Wurde als Funktioner gelegentlich als Ausbilder eingesetzt. Könnte noch heute eine Formation führen. Aber wer braucht sowas schon im richtigen Leben... Es folgte Unteroffizier-Ausbildung. Heirat. Ich wurde Vater. Im letzten Jahr meiner Dienstzeit, mit 23 Jahren, wurde im rechten Hüftgelenk eine Knochenveränderung festgestellt, die die Mediziner nervös machte. Die berührungslose Diagnostik war damals noch nicht so weit fortgeschritten. Also schickte man mich zunächst in den Urlaub, um danach unters Messer zu kommen. Irgendwas war schief gelaufen, bei der OP. Niemand sagte mir, was. Die Knochenkrebs-Theorie hatte sich glücklicherweise nicht bewahrheitet, aber ich konnte nur unter großen Schmerzen mit Stock laufen. Von diesem Eingriff sollte ich zehn Jahre schmerzhaftes Hinken zurückbehalten. Ich bin froh, daß die jungen Leute heute meist kritischer und aufgeklärter sind, als damals. Vermutlich wäre es besser gewesen, eine zweite medizinische Meinung einzuholen, als diesem Metzger-Professor blind zu vertrauen. Bestimmte Marker für Krebs gab es sicher schon damals in Blutbildern... Am Tag der Entlassung von der Bundeswehr stand ich mit den anderen Reservisten in der Reihe. Allerdings mit Stock. Mein Spieß musterte mich eindringlich, und äußerte, daß ich ja jetzt nicht mehr befördert werden müsse. Jetzt, wo ich ein Krüppel sei... Heute weiß ich, daß ich diesen Idioten ungestraft dahin hätte treten können, wo es gut weh tut. Er wäre trotzdem als Berufssoldat entlassen worden. Aber damals hätte vermutlich niemand für mich ausgesagt. Hab es mir nie verziehen, daß ich ihm nicht mit meiner Krücke eins übergezogen habe... Kleine Geschichte am Rande: Ca. 2-3 Jahre nach der Entlassung erhielt ich anläßlich der Auflösung der Feldjägerausbildungskompanie vom Unteroffizier-Korps eine Einladung zu einer Feierlichkeit in der Kaserne. Eine Konsequenz hatte diese Geschichte für mich allerdings. Habe mich mit 33 Jahren, also zehn Jahre nach meiner Entlassung, auf meinen Wunsch hin wieder neu mustern lassen, Wehrübungen absolviert, und bin noch einige Male befördert worden. Nach der Bundeswehr, die ich ja als Wehruntauglicher verließ, folgte die Fachausbildung, die wegen meiner Verpflichtungszeit noch vom Bund übernommen wurde, inklusive der monatlichen Bezüge. Die Ausbildung zum Handelsfachwirt war in den 70ern noch recht neu. Wenn ich daran denke, daß man uns damals noch die Speicherpakete einer Rechenanlage und Lochkarten gezeigt hat, kann ich das heute kaum glauben. Die Ausbildung war für mich ein Meilenstein. Lernte ich doch dort zum ersten Mal im Leben, wie man richtig lernt. Da mich der Lernstoff ungemein interessierte, waren meine Noten auch ganz annehmbar. Wie so oft, wenn etwas gut lief, bekam ich auch anläßlich der IHK-Prüfung wieder eine kalte Dusche. Denn es waren drei Jahre Berufspraxis als Kaufmann gefordert, um zur Prüfung zugelassen zu werden. Der Clown vom Berufsförderungsdienst der Bundeswehr hatte glatt "vergessen", mich in seinem sogenannten Beratungsgespräch darauf aufmerksam zu machen. Und mit 23 Jahren habe ich fast alles geglaubt, was man mir gesagt hat, ehrlich... Nun stand ich als Kaufmann mit guter Ausbildung aber ohne Abschluß da. Dafür war ich aber gehbehindert... (Anmerkung 2008: Nachdem ich Jahrzehnte damit vergeudet habe, der Formalqualifikation "Handelsfachwirt" hinterherzutrauern, bin ich zu der Erkenntnis gelangt, daß dies absolut unnütz war. Erstens hatte ich als Familienvater kaum eine Chance, diesen Abschluß nachzuholen. Zweitens wären dadurch meine körperlichen Einschränkungen nicht besser geworden. Und der wichtigste Punkt: Wissen und Kenntnisse sind niemals an irgendwelche Abschlüsse gebunden. Aber oft möchten diejenigen Vorturner, die ihr Papier so eben, und auf der letzten Rille geschafft haben, uns das gern einreden...) Nach einigen Bewerbungen und einem Kurzauftritt als Stellvertreter, merkte ich sehr bald, daß man als Baumarkt-Leiter in der Lage sein mußte, auch mal eine Palette Fliesen mit dem Hubwagen zu bewegen. Ok, weitere Einzelheiten der darauf folgenden Jahre möchte ich uns ersparen. Meistens war die Zeit spannend, manchmal auch traurig. Aber nie langweilig... Meine Tätigkeiten als Auflistung ohne Anspruch auf Vollständigkeit (Nein, Nacktputzen war nicht dabei.) : Ich arbeitete als Sachbearbeiter, Wachmann, Kurierfahrer. Fuhr bewaffnete Geldtransporte, Patrouille, war Sicherheitsrevisor und hatte einen kleinen Schallplattenladen. Im Außendienst verkaufte ich Flüssiggas-Anlagen und Werkzeuge. Hab also alles gemacht, was nicht verboten war, und von dem ich glaubte, die größer werdende Familie ernähren zu können... Zwischen dem 25. und 29. Lebensjahr hatte ich mehrfach Gesichtsfeld-Ausfälle, und wurde augenärztlich untersucht. Einmal war es sehr stark. War gerade beruflich in Köln, und wurde gleich zur Uni-Augenklinik durchgewunken. Das dort durchgeführte Kopf-MRT war aber unauffällig. Heute kann ich mir denken, daß man nach einem Tumor, oder nach Anzeichen für MS gesucht hatte. Mittlerweile hatten wir ein Haus gebaut. Ohne den Rückhalt meiner damaligen Familie hätte ich es wohl nach der Pleite mit dem Plattenladen nie geschafft, ohne einen Pfennig Erspartes dieses Häuschen im Grünen zu bauen... Er müsse mir vermutlich nur ein paar Augentropfen verschreiben, meinte ich noch zu dem Arzt. Eine Woche zuvor sei ich mit dem Motorrad durch den Westerwald gedüst, und hätte mir vermutlich einen Zug am Auge gefangen. Ich habe mich noch fast drei Jahre mit dieser Sehnerventzündung herumgeschlagen, die auch nicht behandelt wurde. Habe auf dem linken Auge ein flaues Bild, ohne große Tiefenschärfe zurückbehalten. Das perspektivische Sehen hatte auch stark gelitten. Niemand hat mich auf MS behandelt. Es war der Anfang vom Ende der Schlacht meines Körpers gegen die Multiple Sklerose, die ich schon lange in mir hatte. (Vereinzelte Symptome gab es schon mit ca. 20 Jahren.) Im übernächsten Jahr nach dem Einzug in das neue Haus wurde ich arbeitslos. Super, Alleinverdiener, drei Kinder und frisch gebaut. "Du hast keine Chance, also nutze sie.", schoß es mir durch den Kopf. Als ich auch nach intensiver Suche auf dem Arbeitsmarkt keinen passenden Job fand, faßten wir den Entschluß, erneut den Schritt in die Selbständigkeit zu wagen. Es war eine Zeit voller Streß , Arbeit und Sorgen. Aber diese Jahre bis zu meiner Erkrankung im August 2000 gehören zu den beruflich wertvollsten in meinem Leben. (Rede ich mir heute ein...) Im Frühjahr 2000 gab es eine große private Krise. Ich hatte gerade mit 45 Jahren eine freiwillige Wehrübung - mittlerweile bei der Luftwaffe - hinter mich gebracht. Ja, auch eine Möglichkeit, in schlechten Zeiten zu überleben. Ein gutes Vierteljahr, bis in den Sommer hinein, litt ich unter depressiven Verstimmungen und wechselweisen Ausfällen an Armen und Beinen, die ich mir nicht erklären konnte. Aber die Arbeit auf den Märkten ging für mich heiter weiter. Gesagt, getan. Dort wurde sehr schnell die Diagnose MS gestellt [ MRT-Bild Entzündungsherd ]. Die junge Ärztin bat mich, ein paar Schritte zu gehen, was ich auch tat. Der rechte Fuß klappte immer rhythmisch "klapp, klapp, klapp". "Warum machen sie das?", fragte sie mich. "Hab' ich im Fernsehen gesehen, sah geil aus, mach' ich jetzt auch." , war meine Antwort. Es wird vermutlich eine sogenannte Fußheberschwäche gewesen sein, die man bei MS mit Gehbehinderung recht häufig antrifft... So fand man auch die Erklärung für die wenigen Totalausfälle in den zehn Jahren seit der Sehnerventzündung, als ich mit Atemnot hilflos wie ein Maikäfer auf dem Rücken lag, weder Arme noch Beine bewegen konnte, und nur noch leise, flüsternd und stotternd sprechen konnte. Nach jeweils zwei Stunden war der Spuk vorbei. (Nachtrag 2008: nach neuester Erkenntnis könnte es sich schon damals um Hirnstammanfälle gehandelt haben.) Einmal war ich nach einer mehrstündigen Anfahrt zu einem Markt in Schleswig-Holstein aus meinem Bus gefallen, weil meine Beine den Dienst versagten. Na ja, dann bin ich halt den Abend an Krücken gelaufen, die ich wegen sporadischer Schmerzen in der Hüfte immer im Wagen hatte... Heute fühle ich mich im Durchschnitt wesentlich glücklicher, als vor zehn Jahren. Ich wohne seit fast drei Jahren allein in der Nähe einer MS-Klinik, bin versorgt, kann tun und lassen, was ich will. Habe mit 48 Jahren wieder gelernt, meine Wäsche zu waschen und meine Hemden zu bügeln. Wenn ich mal welche trage. Denn zu meinem neuen Leben gehören jetzt T-Shirts. Auch achte ich jetzt vermehrt auf meinen "Umgang". Menschen, die negativ auf mich wirken, haben in meinem Leben nichts zu suchen. Wenn Du vom Wesen eher ein "Geber" bist, mußt Du Dir die "Nehmer" vom Hals halten. Überhaupt habe ich mich in meiner Einstellung zu vielen Dingen geändert. Bin weniger spießig als früher, sagte man mir... Was es nicht alles gibt. Ein großer Schritt kann einen weiter bringen, als viele kleine Schritte, sagt das Sprichwort. Stimmt, es war ein verdammt großer Schritt. Vermutlich auch in die richtige Richtung. Wenn man mal von dem bischen MS absieht... Da ich nicht wissen kann, in welchem Drittel der zweiten Halbzeit ich im Spiel meines Lebens bin, kann ich natürlich nicht ahnen, was mir noch blüht. Schau'n 'mer 'mal. Aber meine Haupt-Blickrichtung ist jetzt vorn, und nicht nach hinten. Wenn auch meine Beine manchmal wegknicken, wie Streichhölzer (in der Wohnung). Ich mich meist in letzter Sekunde mit der Nase, oder einem Ohr irgendwo festkrallen kann, um nicht auf die Schnauze zu fallen, so kann man mit diesem Status wenigstens mitreden, wenn der Rest der Nation über Rückenschmerzen sudert... Ich wünsche allen, die sich durch meine Buchstabensuppe gekämpft haben, eine gute und harmonische Zeit... |
| Heute ist der erste Tag vom Rest Deines Lebens. |
| Nachtrag Frühjahr 2006: Bin seit geraumer Zeit glücklich verheiratet. Meine Frau möglicherweise auch... Einige aus meinem näheren Umfeld haben sich grußlos aus meinem Leben verabschiedet. Einige körperorientierte und oberflächliche Egoisten aus der zweiten Reihe haben sich auch geschlichen. Reisende soll man nicht aufhalten... August 2010: Ein merkwürdiges Jubiläum: 10 Jahre MS-Diagnose... |
| Hüte Dich vor alten Männern. Denn sie haben nichts zu verlieren... |
© Peter F. Wermeister 2004 - 2010