Zwischenbilanz
Ein Nachruf auf die ersten fünfzig Jahre...
Am 28.06.2004 begonnen

 

 

 

 

 

 

 

Nun ist es also passiert. Bin kein falscher Fuffziger mehr. Auf dem Weg zum Greis wieder ein Stück weiter gekommen... 

Es ist nun für mich an der Zeit, einigen Weggefährten meinen Dank auszusprechen.


Da wären zunächst einmal meine Eltern, die mir zeitweise eine relativ unbeschwerte Jugend ermöglichten. Die Verständigung zwischen meinem Erzeuger und mir erwies sich meist als schwierig, bzw. fand nicht statt. Deshalb hatte ich mich irgendwann dazu entschlossen, von meiner Mutter abzustammen... 


Waren wir fünf Geschwister auch in jungen Jahre eher durch Verschiedenartigkeit geprägt, so ist mit fortschreitendem Alter unser Verwandtsein kaum zu übersehen. Als Ältester war ich als eher extrovertierter Jüngling für das Außenministerium zuständig. Alles was mit Einkaufen oder Besorgungen zu tun hatte, war mein Ding. 


Die diversen Schulen sind ein dunkles Kapitel in meinem Leben. Natürlich bin ich für meine Leistungen voll verantwortlich. Aber hätte sich Irgendjemand die Mühe gemacht, sich abweichend vom üblichen Schema etwas intensiver mit mir auseinanderzusetzen, wäre mir in unserem "Land der Scheine" sicherlich noch die eine oder andere Formalqualifikation gelungen. Aber wer will es schon einfach, sprich langweilig?!  Ein Leben nach dem Lustprinzip ist immer spannender als der angepaßte Weg.


Von den vielen  Mitschülern, die im Laufe der Zeit meinen Weg kreuzten, unterschied ich mich oft durch unangepaßtes Einzelgängertum. Ich war und bin nicht so das Herdentier. Eher der Außenseiter. Der Spötter im Hintergrund. Ein unbequemer Frager. Das hat mir nicht immer Pluspunkte eingebracht.


Erst viele Jahre später auf einem Klassentreffen sagte man mir, daß man meine direkte Art, auch mit dem "Lehrkörper" umzugehen, immer geschätzt hätte. Na toll! Konnte man mir das nicht ein paar Jahre eher sagen? Das hätte mir einige Komplexe erspart. Bin heute froh, daß es weder meinem Elternhaus, noch meinem alten Lehrer, dem ehemaligen Wehrmachts-Leutnant , gelungen war, mich "weich zu klopfen".


Jahre nach meiner Schulzeit besuchte ich mit anderen ehemaligen Mitschülern unseren damaligen Lehrer. Auf meine Frage, ob ich denn der frechste Schüler in der Klasse gewesen wäre, überlegte er kurz, und entgegnete:"Nein, aber der respektloseste..." Hamwer wieder was gelernt...


Natürlich hatte ich auch das Glück, hin und wieder auf eine motivierte Lehrkraft zu stoßen, die meinen Hang zur Faulheit übersah, und tapfer daran glaubte, irgendwo in den Tiefen meiner schwarzen Seele ein Goldkörnchen zu finden. Für diese, nicht immer aussichtslose Mühe meinen aufrichtigen Dank...


Es mag eine Erklärung für meine damalige Hilf- und Ratlosigkeit sein. Aber als meine Schulzeit zu Ende ging, wurde ich gerade 14 Jahre alt. Hab das Kopfkissen naßgeheult, als ich realisierte, daß die Zeit in der Dorfschule zu Ende ging.
Was ich werden wollte? Keine Ahnung! Muttern hatte was darüber gelesen, daß man bei der Post Fernmeldehandwerker lernen könnte.


Auf nach Düsseldorf, den Test bestanden, und später mit den anderen jeden Morgen im Bus zum Fernmeldeamt gedüst. In die Stadt. Ich als Landei fand das mega-spannend. Habe tapfer im Blaumann an der Werkbank gestanden, und mein U-Stück gesägt, gefeilt, gebohrt usw. Die Drehbank machte Laune, aber dieser Massenbetrieb machte meinem zarten Seelenleben zusehens zu schaffen.
Irgendwann, nachdem ich gelernt hatte, wie man Telefonkabel verbindet, das Ganze prüft, und schließlich mit einer selbstgebauten Bleimuffe zulötet, stellte sich heraus, daß ich für diesen Job nicht geboren war.


Nach einigem Gezeter im Elternhaus entschloß man sich, eine Berufsberatung aufzusuchen. Das geschulte Auge des schon etwas älteren Beraters erkannte sofort, daß er einen Kaufmann im Rohzustand, also ohne die nötige Ausbildung, vor sich hatte...


Als ich dann in den Laden zum Vorstellen kam, sagte man uns, daß je ein Lehrling für die Haushaltwaren- und die Eisenwarenabteilung gesucht würde.
Nun, schon damals war unübersehbar, daß ich in Richtung Schuhgröße 46 und Handschuhgröße 10 tendierte. Also ging ich aus Sicherheitsgründen nicht in die Porzellanabteilung... 


Von da an machte mir das Leben wieder Spaß. Wußte ich doch schon eine Menge über Werkzeuge und deren Anwendung. Das ich eher nicht so der Schweiger bin, kam mir in diesem Job sehr entgegen... 
Mein Wissensdurst wurde ausgiebig gestillt. Ausbilder und Kollegen waren gut drauf. Weil ich so schwächlich war, habe ich so manches Ofenrohr, Pakete Schrauben und Nägel geschleppt.  Ebenso habe ich so manches Großgerät mit ausgeliefert. Von unserem Technik-Mann habe ich viele Tricks gelernt, die mir in meinem Leben sehr nützlich waren. Bin froh, in einem Betrieb von altem Schrot und Korn gelernt zu haben.
Auch die Juniorchefin gab sich sehr viel Mühe mit dem theoretischen Teil der Ausbildung. Ich werde ihre wunderschönen Augen nie vergessen. Warum auch nicht, denn schließlich loderte damals mit 15 das Feuer des Heranwachsenden in meiner Brust. Ok, vielleicht war es eher ein starkes Glimmen...


Nach meiner Lehrzeit nahm ich sowohl meinen frisch erworbenen Ausbildungsnachweis, als auch meinen Mut zusammen, und bewarb mich in einem größeren Geschäft in meinem Wohnort. Dort trieb ich bis zu meiner Einberufung zur Bundeswehr mein Unwesen.


Zwischendurch machte ich den Führerschein. Mein Fahrlehrer konnte sich nicht beruhigen. Die theoretische Prüfung war früh morgens, für mich also mitten in der Nacht. Nach Abgabe des ausgefüllten Fragebogens muß ich wohl eingeschlafen sein. Man hat mich zur Fahrprüfung geweckt. Na ja... 

Bald rief die Nation mich zu den Fahnen. Zur Grundausbildung hatte es mich in die Nähe von Hamburg verschlagen. Sollte Logistiker werden. Unsere Ausbildungskompanie befand sich in einer Kaserne mit einem Jägerbataillon, die Jungs mit dem grünen Barett..
Nun, als Rekrut war man sozusagen ein Nichts in Nato-Oliv.  Irgendwann abends in der Kantine saß ich etwas abseits von den übrigen am Tisch und aß irgendwas. Aus den Boxen dröhnte zum x-ten Male "Radar Love" von Golden Earring. Am Nebentisch aß einer aus dem Nachbarzug seine Currywurst mit Pommes. Er war sehr hager, eher schwächlich. Seine große Brille bestimmte sein Gesicht.
Plötzlich war da dieser etwas quadratische Mensch aus der 4. oder 5., einer Kampfkompanie also. Reservist, der dies auch immer lauthals zum Besten gab.
Diese Jungs trugen als Jäger  immer den Klappspaten am Koppel. Den Gerüchten nach sollten sie angeblich auch ihre privaten Konflikte mit diesem Teil austragen. Rauhe Gesellen also. Der Bursche taumelte etwas, hatte wohl schon reichlich getankt. Immerzu machte er sich am Teller meines Kumpels zu schaffen. Aß ihm die Pommes weg, machte ihn an. Der Schmale verhielt sich defensiv und war etwas verängstigt.
Irgendwann hab ich blöderweise einen Kommentar in Richtung des Kampfschweines abgeben. Er solle doch den Jungen in Ruhe lassen, oder sowas. Mit einem Mal baute sich die Saufnase vor mir auf, machte Anstalten, mir an die Wäsche zu gehen.
Angst macht stark. Und so drosch ich ihm mit voller Wucht meine Faust ins Gesicht. Sein Mund blutete. Mein rechter Ringfinger auch. Da hatte wohl sein Schneidezahn ein kleines Loch hineingestanzt.
Plötzlich wurde es mucksmäuschenstill in der Kantine. Man hätte eine Stecknadel fallen hören. Der Platz, an dem ich mich befand, war gut beleuchtet. Im Gegensatz zum Rest des Raumes. Einige Gestalten standen auf, und schienen an ihren Koppeln mit dem Klappspaten zu nesteln.
Nun schnappte ich völlig über und rief laut:"Wer was von mir will, der soll kommen!" Es kam niemand. Und so ging ich betont langsam auf die Ausgangstür zu. Als ich draußen war, rannte ich wie vom Teufel gehetzt über den Gang, über den Hof ins Kompaniegebäude bis in meine Stube, aus der ich mich in den nächsten Tagen nur noch zu dienstlichen Zwecken herausbewegte... 
Irgendwann überkam mich der Wunsch, mal wieder abends in die Kantine zu gehen. Stellte mich, wie üblich, zu den anderen in die Reihe, und wartete, bis ich an der Theke an der Reihe war. Da tippte mir jemand von hinten auf die Schulter. Eine Ecke von Kerl, auch einer aus der Klappspatenriege. Ob ich vor ein paar Tagen seinem Kumpel eins aufs Maul gegeben hätte, fragte er mich. Mit wackeligen Knien entgegnete ich:"Und wenn?!" "Haste prima gemacht!", sagte er, "Der Typ hat sowieso ne Macke."  Mein Gesicht bekam wieder Farbe.  

Sowas Beklopptes habe ich nie wieder im Leben gemacht. Das war für mich aber wohl ein Schlüsselerlebnis. Manchmal - nicht immer - lohnt sich ein Kampf. Bin seither etwas seltener vor Problemen weggelaufen. Die kleine Narbe an der rechten Hand ist geblieben... 

Ein Kumpel aus meinem Zug kam aus Düsseldorf. Als mein klappriger VW Käfer Baujahr 1960 mit 30 PS-Maschine aus dem letzten Loch pfiff, nahm Udo mich öfter mit seinem 1900er Rekord mit 90 PS mit, wenn es ins Wochenende nach Hause ging.
Später wurden wir zusammen nach Neumüster zum Divisionsstab versetzt. Wir entwickelten beide eine spezielle Fahrtechnik an den Wochenenden. Es war die Zeit der Ölkrise. 100 km/h waren auf den Autobahnen erlaubt. Bei Vollgas, also  160 km/h, schaute man mit dem linken Auge auf die Fahrbahn, und mit dem rechten Auge auf den Standstreifen und die Parkplätze nach den Jungs in grün. Hamburg haben wir dann nachts mit Hundert durchfahren. Es war ja kaum jemand auf der Straße. Na ja, es war schon ziemlich verrückt. Aber es hat Spaß gemacht, die Strecke nonstop mit einem Fahrerwechsel durchzufahren. Leider habe ich Udo nie wieder gesehen...

Meine Devise für meine Bundeswehrzeit war:"Entweder richtig, oder gar nicht." Parallel zu meiner Verpflichtung hatte ich um heimatnahe Versetzung gebeten. Als ich den Schrieb las, brach mir beinahe der Blick. Zu den Feldjägern sollte ich. Und dann noch in die Ausbildungskompanie. Heiland, hätte ich es doch gelassen. Eine Einschätzung, die sich später als goldrichtig erwies...

Also packte ich mein Zeug, und dackelte nach Düsseldorf. Hand in der Tasche. Matte "haar"scharf an der Grenze des Erlaubten, meldete ich mich im Geschäftszimmer.
"Tach zusammen. Ich soll mich hier melden", verkündete ich. Nun, was dann kam, war schon bühnenreif. Wußte ich doch kaum noch, wie ein Stabsunteroffizier aussah. Und daß sie waagerecht in der Luft liegen konnten, wußte ich auch nicht. Nun denn, das kann ja heiter werden, dachte ich.
Unteroffiziersdienstgrade spielten in meiner Zeit in Schleswig-Holstein im wahrsten Sinne des Wortes eine untergeordnete Rolle. Mein direkter Vorgesetzter war ein Oberstleutnant von vierzig Jahren. Zwei kriegsgediente Hauptleute waren bisher um mich herum. Und bis auf uns Gefreite sah ich noch einen Feldwebel in unserer Abteilung. Ach ja, und zwei Generäle im Stab, die sich immer mächtig freuten, wenn sich einer von uns erbarmte, und sie auf dem Hof zackig grüßte... 

Das war plötzlich Schnee von gestern. Als ich sah, wie ein kleiner Gefreiter einen ganzen Zug von vierzig Mann zum Essen führte, und sie dabei fachmännisch rund machte, wußte ich, was die Glocke geschlagen hatte...

Auch bei meinem nächsten Auftritt latschte ich mit  traumwandlerischer Sicherheit ins Fettnäpfchen. Der Spieß (Kompaniefeldwebel), die "Mutter der Kompanie", führte mit mir anläßlich meiner Versetzung ein Einzelgespräch.
Warum ich mich denn aus dieser schönen Gegend im Norden nach Düsseldorf hätte versetzen lassen, fragte er mich. "Ich konnte die Fischköppe nicht mehr sehen", war meine Antwort.
Peinlicherweise war mir sein Schnack aufgrund meiner Dienstzeit im Norden nicht mehr so aufgefallen. Der Bursche kam aus Plön. Nun, für mich ging die rote Lampe erstmal nicht mehr aus...

So produzierte ich Sicherheit, wie ein Wilder. Versorgte, was das Zeug hielt. Aber mit den Feldjägern konnte ich mich nie so richtig anfreunden. Wenn ich sehe, über welche Ausbildung, Ausrüstung und welches Gewaltpotential auch gegen die eigenen Soldaten diese Waffengattung heute verfügt, verstehe ich meine ursprüngliche Abneigung immer besser. Ein Dorfsheriff sieht gegen diese Mädels und Jungs vermutlich ziemlich blaß aus.

Die Rekruten durchliefen bei uns erst die normale Grundausbildung, und kamen danach im sogenannten Lager für ein weiteres Vierteljahr in die verlängerte Grundausbildung. 

Ich lernte einen merkwürdig alten Leutnant kennen, der die "Verlängerte" leitete. Zu meiner Entlassung später war er Oberleutnant. Aber man munkelte, daß er mal Hauptmann, degradiert und zu uns strafversetzt worden war. Wegen einer "Affäre" in der Fallschirmjäger-Ausbildungskompanie in Nagold, die nach Vorkommnissen geschlossen worden war. Erst viele Jahre später erfuhr ich, daß damals ein Rekrut zu Tode kam, weil sadistische Ausbilder ihn bei starker Hitze mit vollem Gepäck bis zum Ende seiner Kräfte schikanierten. Mehr zum Thema findet man im Netz unter "Schleifer von Nagold".

"Pumpi" wurde der Leutnant genannt. Angeblich hatte er früher das Hobby, Rekruten über dem offenen Kappmesser "pumpen" (Liegestütz) zu lassen. Ich begreife es nicht, wie die Führung in der Bundeswehr einen "guten Soldaten" in einem Menschen sehen kann, der offenbar einen kranken Charakter hat...

Wenn ich daran denke, wie oft ich neben diesem Leutnant, und auch unserem tollen Fallschirmjäger-Spieß saß, könnte mir heute noch schlecht werden. Hoffentlich bekommen wir so bald keine Berufsarmee. Ich befürchte, daß sonst durch eine Negativauswahl Kaputten und Sadisten das Feld überlassen wird. Mir ist der Staatsbürger in Uniform lieber. Aber nur zur Verteidigung des eigenen Landes. Maximal zur Verteidigung Europas. Mich erschüttert es, wenn Soldaten aus allen Ecken der Welt, wohin sie von den Politikern der regierenden Parteien geschickt wurden, tot zu ihren Familien nach Hause gebracht werden. Aber niemand scheint sich darüber aufzuregen...

Mein Spieß war ein Feldjäger mit Fallschirmjäger-, Ranger- und Häuserkampf-Ausbildung. Er wäre besser in seinem anständigen Beruf als Zimmermann geblieben, wie mir am Tag meiner Entlassung deutlich bewußt wurde...

Nun, ich machte so gut es ging, meinen Job. Wurde als Funktioner gelegentlich als Ausbilder eingesetzt. Könnte noch heute eine Formation führen. Aber wer braucht sowas schon im richtigen Leben...

Es folgte Unteroffizier-Ausbildung. Heirat. Ich wurde Vater. Im letzten Jahr meiner Dienstzeit, mit 23 Jahren, wurde im rechten Hüftgelenk eine Knochenveränderung festgestellt, die die Mediziner nervös machte. Die berührungslose Diagnostik war damals noch nicht so weit fortgeschritten. Also schickte man mich zunächst in den Urlaub, um danach unters Messer zu kommen.
Eine Hüft-OP mit allem Drum und Dran. Nur um eine Probe des Schenkelhalses zu entnehmen, und die ganze Mimik wieder zuzunähen.
Meine Kleine, die heute meine Große ist, lief am Tag nach der Operation im Krankenzimmer in ihrem kurzen Kleidchen mit Windelhintern auf mich zu und plapperte mit strahlenden Augen:"Pap Pap Pap."
Diesen Moment werde ich nie vergessen. Sie war das süßeste kleine Mädchen, daß ich bis dahin gesehen hatte. Sie war wohl etwa neun Monate alt...

Irgendwas war schief gelaufen, bei der OP. Niemand sagte mir, was. Die Knochenkrebs-Theorie hatte sich glücklicherweise nicht bewahrheitet, aber ich konnte nur unter großen Schmerzen mit Stock laufen. Von diesem Eingriff sollte ich zehn Jahre schmerzhaftes Hinken zurückbehalten. 

Ich bin froh, daß die jungen Leute heute meist kritischer und aufgeklärter sind, als damals. Vermutlich wäre es besser gewesen, eine zweite medizinische Meinung einzuholen, als diesem Metzger-Professor blind zu vertrauen. Bestimmte Marker für Krebs gab es sicher schon damals in Blutbildern...

Am Tag der Entlassung von der Bundeswehr stand ich mit den anderen Reservisten in der Reihe. Allerdings mit Stock. Mein Spieß musterte mich eindringlich, und äußerte, daß ich ja jetzt nicht mehr befördert werden müsse. Jetzt, wo ich ein Krüppel sei...

Heute weiß ich, daß ich diesen Idioten ungestraft dahin hätte treten können, wo es gut weh tut. Er wäre trotzdem als Berufssoldat entlassen worden. Aber damals hätte vermutlich niemand für mich ausgesagt. Hab es mir nie verziehen, daß ich ihm nicht mit meiner Krücke eins übergezogen habe...

Kleine Geschichte am Rande: Ca. 2-3 Jahre nach der Entlassung erhielt ich anläßlich der Auflösung der Feldjägerausbildungskompanie vom Unteroffizier-Korps eine Einladung zu einer Feierlichkeit in der Kaserne.
Der Spieß zog bei der Begrüßung erstaunt eine Braue hoch."Herr *Dienstgrad*, Sie hier?" Meine Antwort:"Ich habe gehört, daß der Laden geschlossen werden soll. Das will ich mit eigenen Augen sehen..."

Eine Konsequenz hatte diese Geschichte für mich allerdings. Habe mich mit 33 Jahren, also zehn Jahre nach meiner Entlassung, auf meinen Wunsch hin wieder neu mustern lassen, Wehrübungen absolviert, und bin noch einige Male befördert worden.  

Nach der Bundeswehr, die ich ja als Wehruntauglicher verließ, folgte die Fachausbildung, die wegen meiner Verpflichtungszeit noch vom Bund übernommen wurde, inklusive der monatlichen Bezüge.

Die Ausbildung zum Handelsfachwirt war in den 70ern noch recht neu. Wenn ich daran denke, daß man uns damals noch die Speicherpakete einer Rechenanlage und Lochkarten gezeigt hat, kann ich das heute kaum glauben.
Immerhin habe ich mir 1978 den ersten Taschenrechner gekauft. Er hat etwa 80 DM gekostet, und strahlte mich mit seinen grünen Röhrenlämpchen an. 
Aber meistens nur kurz, weil die Microzellen nur etwa eine gute Viertelstunde lang hielten. Dafür konnte er aber alle vier Grundrechenarten. Allerdings mit teils heftigen Rundungsfehlern... 

Die Ausbildung war für mich ein Meilenstein. Lernte ich doch dort zum ersten Mal im Leben, wie man richtig lernt.

Da mich der Lernstoff ungemein interessierte, waren meine Noten auch ganz annehmbar. Wie so oft, wenn etwas gut lief, bekam ich auch anläßlich der IHK-Prüfung wieder eine kalte Dusche. Denn es waren drei Jahre Berufspraxis als Kaufmann gefordert, um zur Prüfung zugelassen zu werden. Der Clown vom Berufsförderungsdienst der Bundeswehr hatte glatt "vergessen", mich in seinem sogenannten Beratungsgespräch darauf aufmerksam zu machen. Und mit 23 Jahren habe ich fast alles geglaubt, was man mir gesagt hat, ehrlich... 

Nun stand ich als Kaufmann mit guter Ausbildung aber ohne Abschluß da. Dafür war ich aber gehbehindert...  

(Anmerkung 2008: Nachdem ich Jahrzehnte damit vergeudet habe, der Formalqualifikation "Handelsfachwirt" hinterherzutrauern, bin ich zu der Erkenntnis gelangt, daß dies absolut unnütz war. Erstens hatte ich als Familienvater kaum eine Chance, diesen Abschluß nachzuholen. Zweitens wären dadurch meine körperlichen Einschränkungen nicht besser geworden. Und der wichtigste Punkt: Wissen und Kenntnisse sind niemals an irgendwelche Abschlüsse gebunden. Aber oft möchten diejenigen Vorturner, die ihr Papier so eben, und auf der letzten Rille geschafft haben,  uns das gern einreden...)

Nach einigen Bewerbungen und einem Kurzauftritt als Stellvertreter, merkte ich sehr bald, daß man als Baumarkt-Leiter in der Lage sein mußte, auch mal eine Palette Fliesen mit dem Hubwagen zu bewegen. 
Aber da mußte ich leider passen. Und das mit 24 Jahren. Ein Bär von einem Kerl, der noch ein Jahr zuvor problemlos zwei Zentner heben konnte...

Ok, weitere Einzelheiten der darauf folgenden Jahre möchte ich uns ersparen.  Meistens war die Zeit spannend, manchmal auch traurig. Aber nie langweilig...

Meine Tätigkeiten als Auflistung ohne Anspruch auf Vollständigkeit (Nein, Nacktputzen war nicht dabei.) :

Ich arbeitete als Sachbearbeiter, Wachmann, Kurierfahrer. Fuhr bewaffnete Geldtransporte, Patrouille, war Sicherheitsrevisor und hatte einen kleinen Schallplattenladen. Im Außendienst verkaufte ich Flüssiggas-Anlagen und Werkzeuge. 

Hab also alles gemacht, was nicht verboten war, und von dem ich glaubte, die größer werdende Familie ernähren zu können...

Zwischen dem 25. und 29. Lebensjahr hatte ich mehrfach Gesichtsfeld-Ausfälle, und wurde augenärztlich untersucht. Einmal war es sehr stark. War gerade beruflich in Köln, und wurde gleich zur Uni-Augenklinik durchgewunken. Das dort durchgeführte Kopf-MRT war aber unauffällig. Heute kann ich mir denken, daß man nach einem Tumor, oder nach Anzeichen für MS gesucht hatte.

Mittlerweile hatten wir ein Haus gebaut. Ohne den Rückhalt meiner damaligen Familie hätte ich es wohl nach der Pleite mit dem Plattenladen nie geschafft, ohne einen Pfennig Erspartes dieses Häuschen im Grünen zu bauen...

Ein gutes halbes Jahr nach unserem Einzug mußte ich Ostern zum augenärztlichen Notdienst, da mein linkes Auge höllisch schmerzt und das, was ich noch sah, eher an einen Besuch auf der Geisterbahn erinnerte, als an mein Leben...

Er müsse mir vermutlich nur ein paar Augentropfen verschreiben, meinte ich noch zu dem Arzt. Eine Woche zuvor sei ich mit dem Motorrad durch den Westerwald gedüst, und hätte mir vermutlich einen Zug am Auge gefangen.
Ich solle mir doch nicht so einfache Erklärungen stricken, antwortete er. Jo, zehn Jahre später wußte ich genau, was er damit sagen wollte.  Es wurde noch ein MRT veranlaßt, was aber keinerlei Auffälligkeiten zeigte.
"
Bis zu 80% aller Patienten, die eine Sehnerventzündung hatten, entwickeln innerhalb von 15 Jahren MS-Symptome.Als ich später nach einem Wohnortwechsel auch den Hausarzt wechseln mußte, las ich in dem Bericht des Augenarztes an den früheren Hausarzt die harmlose Abkürzung E. D. mit Fragezeichen, was nichts anderes bedeutet, als der Verdacht auf Encephalomyelitis disseminata , also Multiple Sklerose.

Ich habe mich noch fast drei Jahre mit dieser Sehnerventzündung herumgeschlagen, die auch nicht behandelt wurde. Habe auf dem linken Auge ein flaues Bild, ohne große Tiefenschärfe zurückbehalten. Das perspektivische Sehen hatte auch stark gelitten. Niemand hat mich auf MS behandelt.
(Das war vermutlich auch gut so, weil sich in den letzten Jahren die Hinweise häufen, daß die übliche Kortison-Stoßtherapie den Ausbruch der MS beschleunigen könnte. So kann ich in der Rückschau zehn Lebensjahre auf der "Habenseite" verbuchen.)

Es war der Anfang vom Ende der Schlacht meines Körpers gegen die Multiple Sklerose, die ich schon lange in mir hatte. (Vereinzelte Symptome gab es schon mit ca. 20 Jahren.) 

Im übernächsten Jahr nach dem Einzug in das neue Haus wurde ich arbeitslos. Super, Alleinverdiener, drei Kinder und frisch gebaut. "Du hast keine Chance, also nutze sie.", schoß es mir durch den Kopf.
Ich ging für einige Monate auf eine Wehrübung zur Bundeswehr. Rettete auch diesmal den Kopf aus der Schlinge, da mein neuer Arbeitgeber mir durch seinen Konkurs etliche Tausender schuldig geblieben war. Dieser Kasper fuhr aber schon wenige Wochen später mit 'nem nagelneuen Leasing-BMW durch die Gegend. Meine Familie und ich wußten zeitweise nicht, wie wir über die Runden kommen sollte. 

Als ich auch nach intensiver Suche auf dem Arbeitsmarkt keinen passenden Job fand, faßten wir den Entschluß, erneut den Schritt in die Selbständigkeit zu wagen.
Zunächst mit Artikeln der erzgebirgischen Volkskunst und Holzspielzeugen als Groß- und Einzelhandel, und zwei Jahre später als Einzelhandel mit Holz- und Bürstenwaren auf Handwerker- und Bauernmärkten ackerte die ganze Familie, um den Lebensunterhalt zu verdienen, bzw. uns das Haus zu erhalten...

Es war eine Zeit voller Streß ,  Arbeit und Sorgen. Aber diese Jahre bis zu meiner Erkrankung im August 2000 gehören zu den beruflich wertvollsten in meinem Leben.  (Rede ich mir heute ein...)

Im Frühjahr 2000 gab es eine große private Krise. Ich hatte gerade mit 45 Jahren eine freiwillige Wehrübung - mittlerweile bei der Luftwaffe - hinter mich gebracht. Ja, auch eine Möglichkeit, in schlechten Zeiten zu überleben. 

Ein gutes Vierteljahr, bis in den Sommer hinein, litt ich unter depressiven Verstimmungen und wechselweisen Ausfällen an Armen und Beinen, die ich mir nicht erklären konnte. Aber die Arbeit auf den Märkten ging für mich heiter weiter. 

Ende Juli lief ich wie ein "Fragezeichen" mit Lähmungserscheinungen in der rechten Körperhälfte durch die Gegend. War während dieser furchtbaren Zeit aber psychisch in einer ungewöhnlich gehobenen Stimmung. Lache, wenn es zum Weinen nicht reicht...

Und für mich war ja alles, was mit einem unsicheren Gangbild zu tun hatte, immer "was mit der Hüfte". Klar, daß ich zunächst einen Orthopäden aufsuchte.
"Nee Jung", sagte er mir.  "Als ich Dich sah, dachte ich zuerst, ich müsse Dir alle Gelenke auswechseln. Aber das isses nicht. Ich schick Dich mal zum Neurologen."

Gesagt, getan. Dort wurde sehr schnell die Diagnose MS gestellt [ MRT-Bild Entzündungsherd ]. Die junge Ärztin bat mich, ein paar Schritte zu gehen, was ich auch tat. Der rechte Fuß klappte immer rhythmisch "klapp, klapp, klapp". "Warum machen sie das?", fragte sie mich. "Hab' ich im Fernsehen gesehen, sah geil aus, mach' ich jetzt auch." , war meine Antwort. Es wird vermutlich eine sogenannte Fußheberschwäche gewesen sein, die man bei MS mit Gehbehinderung recht häufig antrifft...  

So fand man auch die Erklärung für die wenigen Totalausfälle in den zehn Jahren seit der Sehnerventzündung, als ich mit Atemnot hilflos wie ein Maikäfer auf dem Rücken lag, weder Arme noch Beine bewegen konnte, und nur noch leise, flüsternd und stotternd sprechen konnte. Nach jeweils zwei Stunden war der Spuk vorbei. (Nachtrag 2008: nach neuester Erkenntnis könnte es sich schon damals um Hirnstammanfälle gehandelt haben.) 

Einmal war ich nach einer mehrstündigen Anfahrt zu einem Markt in Schleswig-Holstein aus meinem Bus gefallen, weil meine Beine den Dienst versagten. Na ja, dann bin ich halt den Abend an Krücken gelaufen, die ich wegen sporadischer Schmerzen in der Hüfte immer im Wagen hatte...

Heute fühle ich mich im Durchschnitt wesentlich glücklicher, als vor zehn Jahren. Ich wohne seit fast drei Jahren allein in der Nähe einer MS-Klinik, bin versorgt, kann tun und lassen, was ich will.  

Habe mit 48 Jahren wieder gelernt, meine Wäsche zu waschen und meine Hemden zu bügeln. Wenn ich mal welche trage. Denn zu meinem neuen Leben gehören jetzt T-Shirts. 

Auch achte ich jetzt vermehrt auf meinen "Umgang". Menschen, die negativ auf mich wirken, haben in meinem Leben nichts zu suchen. Wenn Du vom Wesen eher ein "Geber" bist, mußt Du Dir die "Nehmer" vom Hals halten.

Überhaupt habe ich mich in meiner Einstellung zu vielen Dingen geändert. Bin weniger spießig als früher, sagte man mir...

Was es nicht alles gibt. Ein großer Schritt kann einen weiter bringen, als viele kleine Schritte, sagt das Sprichwort. Stimmt, es war ein verdammt großer Schritt. Vermutlich auch in die richtige Richtung. Wenn man mal von dem bischen MS absieht...  

Da ich nicht wissen kann, in welchem Drittel der zweiten Halbzeit ich im Spiel meines Lebens bin, kann ich natürlich nicht ahnen, was mir noch blüht.  

Schau'n 'mer 'mal. Aber meine Haupt-Blickrichtung ist jetzt vorn, und nicht nach hinten.

Wenn auch meine Beine manchmal wegknicken, wie Streichhölzer (in der Wohnung). Ich mich meist in letzter Sekunde mit der Nase, oder einem Ohr irgendwo festkrallen kann, um nicht auf die Schnauze zu fallen, so kann man mit diesem Status wenigstens mitreden, wenn der Rest der Nation über Rückenschmerzen sudert... 

Ich wünsche allen, die sich durch meine Buchstabensuppe gekämpft haben, eine gute und harmonische Zeit...

 

 

Heute ist der erste Tag vom Rest Deines Lebens.

 

Nachtrag Frühjahr 2006:

Bin seit geraumer Zeit glücklich verheiratet. Meine Frau möglicherweise auch... 

Einige aus meinem näheren Umfeld haben sich grußlos aus meinem Leben verabschiedet. Einige körperorientierte und oberflächliche Egoisten aus der zweiten Reihe haben sich auch geschlichen. Reisende soll man nicht aufhalten
...


August 2010:

Ein merkwürdiges Jubiläum: 10 Jahre MS-Diagnose...

 

 

Hüte Dich vor alten Männern. Denn sie haben nichts zu verlieren...

 

 


© Peter F. Wermeister 2004 - 2010