Werkstatt für Menschen

mit Behinderungen

 

 

Bilder von Sitzdrechslern


 

Viele sind überrascht, wenn sie hören, daß körperlich eingeschränkte Menschen ein Hobby, wie das Drechseln betreiben.
Dabei ist es doch ganz selbstverständlich, daß Menschen mit unterschiedlichen körperlichen Fähigkeiten die unterschiedlichsten Interessen haben können.
Deshalb ist es nicht verwunderlich, wenn Menschen mit Bewegungseinschränkungen, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind, zum Beispiel auch begeisterte Drechsler sein können.

Ich bin kein Mediziner. Als Erkrankter "beherrscht" man gerade mal die Seuche, von der man betroffen ist.

Neben beinamputierten Menschen kann man die Rollifahrer sicher schon grob in zwei Gruppen unterteilen:

Zum einen die Querschnittsgelähmten, die meist durch ein traumatisches Ereignis, wie ein Unfall, die Kontrolle über die unteren Extremitäten verloren haben. Dabei wird nach der Höhe der oder des betroffenen Wirbel unterschieden. Diese Menschen haben in der Regel normal funktionsfähige Muskeln im Oberkörper, können also auch recht stark  sein. Meist ist ihr Kräftepotential nicht beeinträchtigt, so daß sie an einem angepaßten Arbeitsplatz oft einen kompletten Arbeitstag bewältigen können. Nur eine Bewegung der Beine ist nicht möglich.
Es gibt bei dieser Erkrankung wohl auch eine inkomplette Form, die z.B. auch kurzzeitiges Stehen oder Umsetzen ermöglicht.
Also zu dieser Kategorie von Rollstuhlfahrern gehören die Betroffenen, die durch irgendeine Form von Lähmung nicht mehr stehen und laufen können, um es mal vereinfacht auszudrücken.

Zur zweiten Gruppe gehören die neurologisch Erkrankten, zu denen ich als MS'ler auch zähle. Ganz simpel ausgedrückt, werden bei MS in Hirn oder Rückenmark durch Entzündungen Nerven zerstört. Das heißt, die Verbindungen zwischen Steuerung und Muskel wird beeinträchtigt oder unterbrochen.
Die weitere Funktion der Nerven ist die Weiterleitung der Reize von außen zum Hirn. Bei gestörter Verbindung zwischen Haut und Hirn kann es zu Taubheitsgefühlen, Kribbeln und sonstigen Mißempfindungen kommen.
Der Grad der Behinderung, der sich hauptsächlich auf die Gehfähigkeit bezieht, wird bei Multipler Sklerose in EDSS-Stufen (Expanded Disability Status Score)
ausgedrückt.
Die Skala ist in zehn Stufen eingeteilt. EDSS 1 = Keine Behinderung, minimale abnorme Untersuchungsbefunde. EDSS 10 = Tod infolge MS. Also eine Vielzahl von Möglichkeiten. Wobei eine beträchtliche Anzahl von Erkrankten jahrelang arbeitsfähig bleibt, und nicht im Rollstuhl sitzt.
Es gibt eine Vielzahl von Symptomen, die oft durch Schwäche und Lähmungserscheinungen zum Verlust der Gehfähigkeit führen.
Dazu können noch Sehstörungen, verminderte Feinmotorik, geringes Kräftepotential, und andere Einschränkungen kommen, die so auf den ersten Blick nicht erkennbar sind.
Es ist sicher nicht spannend. Kein Betroffener spricht gern darüber. Aber ich zum Beispiel möchte wegen diesem "bischen MS" nicht auf mein Drechsel-Hobby verzichten. Diese Tätigkeit erfordert bei mittlerer Pflegestufe vorausschauende Planung und Einfallsreichtum.



Arthrodesenstuhl



Eine prima Möglichkeit, um zum Beispiel bei Beeinträchtigung der Wirbelsäule im Sitzen arbeiten zu können, ist der sogenannte Arthrodesenstuhl.
Wenn es die Rumpfstabilität zuläßt, ist dieser Spezialstuhl mit feststellbaren Rollen und vielen Verstellmöglichkeiten hervorragend geeignet, um sitzend zu arbeiten.
Er ist ein normales Hilfsmittel der Krankenkassen. Der Vorteil gegenüber einem Rollstuhl ist die etwas höhere Sitzposition.




Duschrolli  


Sind die Einschränkungen stärker, kann der Sitzdrechsler auch gut auf einen Duschrolli mit kleinen Rädern umsteigen.
Zum Drechseln sollten dann die Beinstützen entfernt werden. Meist gibt es noch einen weichen Sitzbezug, sowie einen "Deckel", der den "Hygieneausschnitt" verschließt.
Wenn dann die Höhe des Duschrollstuhles so niedrig, wie vertretbar, eingestellt wird, und beim Arbeiten die Räder nicht festgestellt werden, hat man genügend Bewegungsfreiheit, und ist nicht zwischen Sitzgelegenheit und rotierendem Werkstück "eingeklemmt".

Auf jeden Fall sollte man darauf achten, daß hinter dem Stuhl genügend Freiraum ist, um im Ernstfall ausweichen zu können. Wer schon mal einen 25 cm Eichenrohling mit 1000 U/Min. vor die Nase bekommen hat, weiß, was ich meine...

Es ist zu beobachten, daß in letzter Zeit einige im Rollstuhl gelandet sind, bzw. sich darauf zubewegen, die sich stark für das Drechseln unter diesen neuen Bedingungen interessieren.

Nach anfänglicher Begeisterung und großem Interesse höre ich dann plötzlich nichts mehr von diesen Kollegen.

Oft schwingt in den Gesprächen und Mails noch die Traurigkeit mit, jetzt oder in naher Zukunft "im Rolli zu sitzen". Männer empfinden Krankheit und Behinderung oft als persönliche Kränkung.

Ich kann nur von mir sprechen. Kam wenige Monate nach meiner Diagnose ein Vierteljahr lang nicht mehr vernünftig aus der Bude heraus, und war froh, daß ich damals endlich den Rolli bekam. Es war ein E-Stuhl, mit dem ich jederzeit die Wohnung verlassen konnte. Es war für mich, wie ein neues Leben.

Vielleicht ist es manchmal besser, die neuen Chancen eines Rollis zu sehen, als alten Fähigkeiten nachzutrauern. Natürlich ist die Traurigkeit völlig verständlich und angemessen. Aber ich kann aus eigener Erfahrung sagen, daß man sich niemals von dieser Traurigkeit beherrschen lassen darf...

Aber es soll hier nicht um Krankheiten und Beeinträchtigungen gehen, sondern um's Drechseln.

Hier ein kleiner Ausschnitt aus dem Rolli Journal 1-2007 der Manfred-Sauer-Stiftung :


Drechselkurse für Rollifahrer und Fußgänger:

drechseln.jpg (113 kb)









 

 
 

© Peter F. Wermeister 2009

www.sitzdrechseln.de